Frühes Trauma, späte Erkrankung

Davids Kindheit war von Vernachlässigung und Demütigung geprägt. Er war das letzte und unerwünschte Kind. Sein Vater schaute in oft angewidert an, und der Rest der Familie ahmte das Verhalten des Vaters nach. Als Erwachsener reichte eine kleine Situation aus, um unmittelbar toxische Schamgefühle, Hilflosigkeit und Verzweiflung zu spüren – und Schmerzen im ganzen Körper. Heute kämpft David mit chronischen Schmerzen, einem posttraumatischen Belastungssyndrom.

Nähe und Distanz, Erziehungsstil und Vorbildfunktion sind elementare Meilensteine für den späteren Lebensweg. Ist der Vater streng und pedantisch, körperlich krank, alkoholsüchtig oder gewalttätig? Ist die Mutter depressiv, religiös, ehrgeizig oder chronisch überfordert? Setzt die Scheidung der Eltern eine scharfe Zäsur im konflikthaften Familienmilieu und verlangt vom Kind unzumutbare Parteilichkeit? Wird die Rivalität unter Geschwistern leichtfertig durch ungleiche Zuwendung bis zum vernichtenden Hass geschürt? Wird in der Familie gemeinsam gesprochen, gegessen, gestritten, gespielt und gelacht oder herrscht abseits jeder Spontaneität ein Geist strenger Rituale, kühler Distanz und aseptischer Sauberkeit?

Eine ungestörte Entwicklung des Kindes in den ersten Lebensjahren basiert auf feiner Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse, intuitiver elterlicher Empathie und ist Voraussetzung für die Balance der Stressachse im kindlichen Gehirn. Dagegen führt eine anhaltende Verletzlichkeit im unreifen Gehirn zu einer bleibend erhöhten Empfindlichkeit gegenüber künftigen Stressereignissen. Wird beispielsweise ein zweijähriges Kind von seiner Bezugsperson oft niedergebrüllt, so wird die lautstarke Ablehnung im Gedächtnis eingeschrieben und bewirkt im Erwachsenenalter eine Angststörung oder unsichere soziale Kompetenz, ohne dass dem Betroffenen die eigentliche Ursache dafür bewusst ist. Er zieht sich zurück, wenn Konflikte auftauchen, ist unzufrieden in Beziehungen, erlebt sich vielmehr als Gebender statt als Nehmender. Er sehnt sich nach Nähe, doch wenn sie entsteht, kann er diese oft nicht ertragen. Sein Problem ist das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein oder versagt zu haben.

Frühkindlicher Stress, durch negative Bindungserfahrungen hervorgerufen, hat kurzfristig akute Belastungsreaktionen und psychoaktive Symptome zur Folge. Mit zunehmendem Alter kann sich daraus eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Es kommt zu Beeinträchtigungen der Hirnentwicklung und zu „biologischen Narben“, was sich in einer lebenslangen Dysfunktion des Stress-Verarbeitungssystems im Sinne einer erhöhten Verletztbarkeit für körperliche wie psychosoziale Belastungssituationen niederschlagen kann. Weiterhin kann es zu sozialen, emotionalen und kognitiven Beeinträchtigungen kommen.

Dagegen wird das Kind zu einer starken Persönlichkeit, wenn ihm seine Bezugspersonen kontinuierlich vermitteln: Du bist nicht allein und verloren. Du bist wertvoll und wichtig. Du kannst etwas. Die Kinder, die in einer Geborgenheit und Sicherheit aufgewachsen sind, sehen das Leben optimistisch, fühlen sich gesund und vital, leben in stabilen Partnerschaften und haben einen verlässlichen Freundeskreis. Schwere Niederlagen und Krisen bewältigen sie entweder alleine oder sind in der Lage, andere um Hilfe zu bitten.  „Es geht im Leben nicht darum, gute Karten zu haben, sondern mit einem schlechten Blatt ein gutes Spiel zu machen“.

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